Liebe Schülerinnen und Schüler,

 

ich hatte als Schülerreporterin die Gelegenheit, am 20.03.2013, mit der Landtagspräsidentin Barbara Stamm ein Interview im Bayerischen Landtag in München zu führen, es ging um die Themen Integration und Inklusion im Alltag.

 

Ich möchte euch hiermit Frau Stamm kurz vorstellen und erklären, welche Aufgaben sie hat:

Sie arbeitet in einem der ältesten Parlamente in Europa. Der Bayerische Landtag, ist das Haus der Volksvertretung, also auch unser Haus. Der Bayerische Landtag ist der Ort, an dem die politischen Entscheidungen fallen. Auch für unseren schulischen Alltag wurden und werden hier die Weichen gestellt, hier werden Gesetze beschossen und politische Entscheidungen getroffen.

Die Präsidentin Frau Stamm bildet die repräsentative Spitze des Hohen Hauses. Ihre wesentlichen Aufgaben sind die Leitung der Sitzungen der Vollversammlungen und die Repräsentation des Parlaments. Darüber hinaus übt die Landtagspräsidentin die Dienstaufsicht über das Landtagsamt (die Verwaltung des Parlaments) und über den Landesbeauftragten für den Datenschutz aus. Sie hat das Hausrecht im Parlament und vertritt den Landtag in Rechtsgeschäften und juristischen Auseinandersetzungen, darüber hinaus unterstütz Frau Stamm viele soziale und kulturelle Projekte.

Bei meinem Besuch im Landtag hatte ich auch die Möglichkeit an einer Plenarsitzung über schulische Maßnahmen teilzunehmen, und habe gemerkt, dass Politik nicht immer ganz einfach ist. Aber kann sie das sein, wo sie doch für alle gerecht und umfassend entscheiden soll? In Diktaturen fallen Entscheidungen schneller, aber ohne Beteiligung der Menschen. Demokratie dagegen heißt: Herrschaft des Volkes. Die Verfassung sagt: Alle Gewalt geht vom Volk aus. Die Politik in einer Demokratie ist nicht immer leicht verständlich.

 

Stamm2

 

Nachfolgend könnt ihr das Interview lesen, das ich mit Frau Stamm führen konnte:

 

Liebe Frau Stamm, ich bedanke mich recht herzlich bei ihnen und freue mich, dass sie sich die Zeit genommen haben, um mir meine Fragen zu beantworten. In meiner Funktion als Schülerreporterin der Reiffenstuel-Realschule Traunstein würde ich gerne zum Thema Integration und Inklusion und wie Menschen mit Krankheit und Behinderung im Alltag zurechtkommen, einige Fragen an sie richten und ihre persönliche Stellung dazu erfahren.

Ich habe mich auf den Weg in die Städte Rosenheim und Traunstein gemacht und habe Menschen verschiedener Altersgruppen vorwiegend Jungendliche, auf das Thema angesprochen und meistens die Antwort bekommen: „ Hab ich nie gehört“. Es hat mich verblüfft, aber nicht überrascht, denn die Hemmschwellen in der Gesellschaft sind noch lange nicht abgebaut, außer man ist selbst oder in der Familie betroffen, dann sieht der Alltag ganz anders aus, mit vielen Problemen und Hindernissen wie ich selbst tagtäglich erfahren muss.

In Ihrer Weihnachtsansprache 2012 ermutigten sie mit der Zeit bewusster umzugehen. Sie sagten wörtlich: „Und wenn wir mehr Uhren als Zeit füreinander haben, dann geht die Gemeinschaft verloren, dann wird es dunkel um uns herum.“ Unter anderem stellten Sie auch die Frage, wie Menschen künftig bei Krankheit und Behinderung kompetent und menschenwürdig betreut werden.

Welche Rahmenbedingungen sind denn dazu schon vom Kultusministerium geschaffen worden und was wurde bereits umgesetzt?

Antwort: Diese Frage zu beantworten ist sehr schwierig und diffizil, weil es in jedem einzelnen Fall genauestens überprüft werden muss. Und es kommt immer auf die jeweilige Situation der Betroffenen an. Voraussetzungen müssten aber geschaffen sein z. B die Barrierefreiheit in Schulen, ohne die dürfte keine neue Einrichtung gebaut werden. Dazu zählen:

-          Behindertenparkplätze an Schulen und öffentlichen Gebäuden

-          Schiebetüren die den Schulallteg erleichtern

-          kurze Wege zu den Klassenräumen

-          Aufzüge

-          eine fachliche Schulbegleitung

 

In Ihrer Rede sagten Sie ebenfalls: „ Integration ist kein Kaffeekränzchen, Integration ist eine Schnecke. Sie ist ein schwieriges Pflaster. Integration ist auch kein Muss, sie ist kein Selbstläufer.“

Aber wo ist Integration mit welcher Behinderung im Schulalltag möglich?

Antwort: Man kann es nicht genau sagen. Bei Körperbehinderung dürfte das im heutigen Alltag kein Problem mehr sein, wobei Kinder die gehörlos sind, es pädagogisch gesehen nicht leicht haben. Für diese besonderen Fälle sollte ein fachlicher, pädagogischer Dolmetscher zur Verfügung stehen. Die Schulen müssen für alle behinderten Kinder die optimalen Voraussetzungn für einen möglichst normalen Schulalltag bieten, damit man sie in die Gesellschaft eingliedern kann. Denn Inklusion ist Aufgabe aller Schulen, aber in allgemeinen Schulen ist nicht sehr häufig inklusiver Unterricht im Schulentwicklungsprozess anzutreffen.

 

Welche fachlichen Voraussetzungen gibt es an die Lehrer, pädagogisch sowie finanziell gesehen?

Die Problematik, dass die Ausbildung von Lehrern im schulischen Umgang mit behinderten Schülern weitgehend fehlt?

Antwort: In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass diejenigen, die mit der Erziehung und Ausbildung unserer Kinder beauftragt sind, keine oder wenige Kenntnisse über das Thema Inklusion haben. Dazu muss schon in der Lehrerausbildung/ Fortbildung das benötigte Rüstzeug mitgegeben werden, um eine optimale Vorrausetzung für ein vertrauliches Klima zu schaffen. Denn es zählt nicht nur das fachliche Können, sondern auch die sozialen Fähigkeiten, die jeder gute Pädagoge in einem Lehrberuf mitbringen sollte.

 

Wo es doch so wichtig ist, nachbarschaftliche Netzwerke in Kindergärten, Schulen und Jugendclubs zu knüpfen, denn die Teilhabe, das Vertrauen und die Anerkennung sind doch so wichtig für ein friedliches Miteinander.

Wie verträgt sich der Kontrast von unserer Leistungsgesellschaft mit den Anforderungen an die Leistung von Menschen mit Behinderung?

 

Antwort: Unser Rohstoff in Bayern ist der Geist. Nur wenn es uns sozial gut geht, haben wir die entsprechenden Maßnahmen, behinderte Menschen zu fördern. Denn je besser die Steuereinnahmen in der Staatskasse sind, desto mehr wird es uns gelingen, das Bewusstsein für die Fähigkeiten und den Beitrag von Menschen mit Handycap zu fördern. Ob die Anerkennung aber gelingt, liegt an den Schulen und dem sozialen Umfeld (Eltern, Großeltern, Freunden usw.) Klischees, Vorurteile und schädliche Praktiken gegenüber Menschen mit Behinderungen sollte man in allen Lebensbereichen bekämpfen.

 

Seit März 2009 gilt die UN- Behindertenrechtskonvention in Deutschland, sie gewährt Menschen mit Behinderung in allen Bereichen des täglichen Lebens eine gleichberechtigte Teilhabe, was bedeutet das für Unterricht und Schule?

Antwort: Die Vertragsstaaten verpflichten sich, sofortige, wirksame und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um in der gesamten Gesellschaft, einschließlich auf der Ebene der Familien, die Bewusstseinsbildung für Menschen mit Behinderung zu schärfen und die Achtung ihrer Rechte und ihrer Würde zu fördern. Qualifikation, Fortbildung und Vergütung variieren in der Praxis sehr stark, aber nicht ausschließlich. Es bestehen jedoch Sonderreglungen in Regelschulen.

 

Ich stelle fest, dass die Integration behinderter Menschen in unserer Gesellschaft (durch Medien, Reportagen) theoretisch alle wollen. Praktisch sieht man behinderte Kinder in Deutschland weder auf der Straße, noch auf Spielplätzen oder in Sportvereinen. Die meisten reagieren unsicher und irritiert, wenn sie auf behinderte Menschen treffen. So wird Integration nicht gefördert, sondern behindert.

Was wird die Familienpolitik, sowie die Bildungspolitik in Zukunft unternehmen, um dieses Recht von Menschen mit Behinderung auf Bildung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen?

Antwort: Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Schüler und Lehrer müssen viel offener mit Menschen, die im täglichen Leben mitten unter uns sind, und deren Behinderung umgehen. Eine einfache Möglichkeit das Thema Inklusion in den Schulen, aber auch den frühkindlichen Einrichtungen zu verbreiten und dauerhaft in Bewegung zu setzen, ist das Benennen eines Inklusionsbeauftragten. Es gibt zwar an den Schulen bereits eine Vielzahl von Beauftragten, oft wird ein Inklusionsbeauftragter aber nicht für notwendig gehalten, um zu vermitteln. Außerdem sollten Schulen sowie auch frühkindliche Einrichtungen mehr Zuschüsse von der Regierung erhalten. Um den Familien der Betroffenen mehr Unterstützung, physisch und psychisch, zu bieten.

 

Ich darf sie aus derWeihnachtsansprache 2012 zitieren: „Zunehmend bewegt mich die Frage, wie Menschen künftig bei Krankheit, Behinderung kompetent betreut werden, denn es fehlt zunehmend an Fachkräften.“ (In unserer Leistungsgesellschaft)

Antwort: Wir müssen alles dafür tun, dass die sozialen Berufe mehr Anerkennung und Wertschätzung erfahren. Es gilt junge Menschen, besonders in Schulen, zu motivieren, sich aktiv für Sozialschwache einzusetzen, soziale Projekte zu fördern und sich zu engagieren. Eine Gesellschaft sollte dazu reif sein, den Mut zu haben, sich für andere einzusetzen.

 

Zum Seitenanfang

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.